Die Weisheit der Alten

Loring Sittler rezensiert:

Reimer Gronemeyer

Die Weisheit der Alten - Sieben Schätze für die Zukunft

Herder | 2018 | ISBN 978-3-451-60043-2

Das Buch gießt keine „Lobe-Soße über die Alten“ (S.45) aus.“ Die Schätze der Alten werden auch nicht wie eine „Wundertüte“ angepriesen, sie sind auch „nicht eine Ressource, die sich zur Ausbeutung anbietet.“ (S. 93) – sie erinnern in den Augen des Autors eher an einen „Scherbenhaufen“ (S.190). Aber die geschilderten Scherben-Schätze werden zum Leuchten gebracht vor dem Hintergrund einer scharfsichtigen, teilweise auch überspitzt kritischen, zuweilen pessimistischen Gegenwarts- und Gesellschaftsanalyse, die in einem Wort von Gronemeyer als „konsumistischer Totalitarismus“ (S.136) zusammengefasst wird. Im Kampf dagegen bringt er die Schätze der Alten in Stellung.

Gronemeyer fordert „Schluß mit der gebückten Haltung, in der die Alten durch die Gegenwartsgesellschaft schleichen“ (S. 154) und belegt seine Analyse mit zahllosen Bezügen zu prominenten Aussagen und Büchern verschiedenster Personen (von Papst Franziskus, über G.K.Chesterton, Harry Belafonte, Philippe Ariès, Ernest Hemingway, Gerhart Hauptmann, Leonhard Cohen, Peter Weiss, Emmanuel Lévinas, Pier Paolo Pasolini bis zu Ivan Illich). Immer wieder veranschaulicht er seine Thesen mit vielen kleinen Erlebnissen aus seiner heutigen deutschen Umwelt und aus seinen Exkursionen nach Afrika – das Lesen wird so zu einem kurzweiligen Vergnügen.

Der Zorn des alten Mannes Gronemeyer dürfte in seiner Sprachgewalt zuweilen für manche Leser starker Tobak sein: Die Alten sind „die Ausgesonderten einer neuen Apartheit, die in kostspieligen Homelands untergebracht sind“ (S.18), viele Alte sind „Heimatvertriebene im direkten und übertragenen Sinne des Wortes“ (S.20) „Modernisierungsbehinderte“ (S.22). „Aus dem Abenteuer des Lebens und Sterbens ist eine algorithmisierte Todeskarriere geworden“ , zu der „schon der „Mut eines Deserteurs gehört“, sich dieser Vorausplanung zu verweigern (S.34f). Ausführlich geht er auf einzelne Phänomene ein: Familie und Erziehung werden unter „Diesseitskrüppel“ verantwortlich gemacht für die „Pervertierung der Kindheit: Einzelhaft im Kinderzimmer, herumlungern im Spielzeugmüll. (S.74) Die Großeltern werden aufgefordert, sich mutig aus der „Rolle der Bedienenden zu befreien. Weigerung, die medialen Spielbedürfnisse, die Geldbedürfnisse, die Eventbedürfnisse der Enkel zu bedienen.“ (S. 76), an den „Gittern des Zeitgefängnisses“ S.75) zu rütteln. „Die Unbrauchbaren, die unbrauchbar gemachten, die Großeltern, sind schon als Müll der Geschichte abgestempelt. Die Enkel sind zugleich nichts als Reservearmee der Leistungsgesellschaft, die mit Bildungsbleigewichten wie in eine Rüstung eingepackt sind, sodass sie sich gar nicht mehr frei bewegen können.“ (S.90) „Kontinente des Vergessenen sind es, auf denen die Kriegsgeneration den Aufbau der Wohlstandsgesellschaft zustande gebracht hat.“ (S. 97).

Das herkömmliche Essen und Heilen dienen ihm als  weitere Anschauungsbeispiele, wie wir „abgeschnitten von den Gewohnheiten und Erfahrungen der Vorfahren“ (S. 106) heute normalerweise mit „Industriefraß“ konfrontiert sind, der „alles Religiöse, alles Mythische und damit auch alles Kulturelle hinter sich gelassen hat.“ (S.117) „In ein Schnellrestaurant mit Gleisanschluß hat sich der Bahnhof verwandelt. Und das Wort Restaurant ist da so altmodisch und unangebracht wie der Hof im Bahn-„Hof“ (S.112). Angesichts der mangelnden Gelassenheit fragt der Autor, ob das „hohe Alter gewissermaßen ein letztes reales und symbolisches Funkloch“ (S.123) ist. Dabei warnt er: „Gelassenheit ist nicht Arbeit, sondern eine Haltung. Eine Haltung, die im Alter rettend sein kann“(S. 124) und bevorzugt eine „pragmatische Gelassenheit“ (S.133). Die empfohlene Gelassenheit hindert ihn allerdings nicht daran, in einem wunderbaren „Blitzlicht“ die Desintessiertheit und Blasiertheit seiner Studenten zu beschreiben (S.147f) und wehmütig auf die vergangene Reparatur- und Wiederverwendungskultur insbesondere bei Bekleidung in den 50er Jahren zurückzublicken (S.149f). Verallgemeinernd fasst er den kulturellen Untergang zusammen: „Die Verdienstleistung des Lebens wird für Alte wie für Junge immer selbstverständlicher. In der Gesundheit wie beim Essen, beim Reisen wie beim Arbeiten. Das Heilen wird von der Gesundheitsversorgung abgelöst, das Sicherernähren von der Lebensmittelindustrie, das Unterwegssein vom Rund-um-sorglos-Paket  der Urlaubsbranche. Überall haben wir das Eigene, den Boden unter den Füßen verloren.“ (S.159/160). Als Gegenmittel empfiehlt Gronemeyer eine „Freundschaft zwischen den Generationen“ (S. 160) sowie eine „Freundschaft mit der geschundenen Natur“ (S.161).

Im Schlußkapitel wird es dann eher philosophisch: „All das vielfältige Wissen der Alten schrumpft zuletzt auf spirituelle Wahrheiten zusammen. Lebensweisheiten, die das, worum es wirklich geht, ins Licht stellen.“ (S.191) Mit  Papst Franziskus fordert Gronemeyer eine „Revolution der Zärtlichkeit“, die von „Hoffnung stiftenden Brüdern und Schwestern“, den von Ivan Illich  so genannten „epimetheischen Menschen“ getragen wird, weil sie gekennzeichnet sind von einer „Skepsis gegenüber einer Entfesselung der Produktivität und weil sie die „Menschen mehr lieben als die Produkte“ (S.198). Mit Jean Ziegler erklärt er die Zivilgesellschaft zur „Hoffnungsträgerin“und „im Kampf über ein Bündnis mit den Jungen“ (S.199) . Die Alten werden zu „Anstiftern“ und „Kundschaftern“ (wenn auch mit einem Fragezeichen versehen, S.202), „die vielleicht, vielleicht Hoffnung stiften in einer zunehmend verfahrenen Situation“. (S.204)

Gronemeyers vernichtendes Urteil über die Gegenwart und die absehbare weitere gesellschaftliche  Entwicklung erlaubt keine Patentrezepte. Seine abstrakt bleibende Hoffnung setzt er eher auf Haltungen wie persönlichen Mut, Gelassenheit, Freundschaft und Nächstenliebe, deren Entwicklungsmöglichkeiten er eher bei den Alten verortet. Dementsprechend verweigert das Buch auf die aktuellen und künftigen Herausforderungen sowohl eine eindeutige Antwort als auch eine Lösung – wer entsprechende Erwartungen aus dem Titel des Buches abgeleitet hat, kann nur enttäuscht werden. Als nüchterne, aber pointierte Bestandsaufnahme über das Ausmaß des gesellschaftlichen Elends kann es aber als grundsätzlich zukunftsweisend verstanden werden.

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