Rezension zu Hasler: Alter, das noch was vorhat von Loring Sittler

Ludwig Hasler

Für ein Alter, das noch was vorhat -

Mitwirken an der Zukunft

Rüffel & rub Verlag| Zürich, 2019 | ISBN <978-3-906304-53-3>

Alternden Leserinnen und Lesern, die Lust darauf haben, auch im Alter mehr vorzuhaben als zu reisen und zu konsumieren und die noch eine „Antenne für das Transzendente“ (S.38) ausfahren können - diejenigen wird die Lektüre dieses fulminanten Buches begeistern. Wer dagegen seine „Welt als kalkulierbare Vergütungsanstalt“ betrachtet und in seiner „gesättigten Gegenwartszufriedenheit“ (S.16) mit der „Ich-Bewirtschaftung“ (S.86), der „Selbst-Optimierung“ (S.19) und dem „Dichte-Stress“ (S.56) voll beschäftigt ist und die Endlichkeit seines Lebens nicht leugnet, aber schlicht ignoriert (S.71) - diejenigen dürfte das intensive Plädoyer von Hasler für eine „Dramaturgie des Alterns“ (S.82) ziemlich verstören. Hasler zeigt schonungslos die vorherrschende Perspektivlosigkeit auf und verweist dabei auf die – trotz aller Vorsorgeuntersuchungen - kaum beherrschbaren gesundheitlichen (Krebs, Herzinfarkt) und geistigen Risiken wie Depressionen, Alkoholismus, Burn-Out (S.46f. S.80). Dem bisher üblichen „Lebensabend“ setzt er seine Wortschöpfung „großer Lebensnachmittag“ (S.18) entgegen und macht damit bildhaft klar, wie sehr sich die „Regie des Alterns“ ändert. Das Lesen macht bei diesem Buch einfach immer wieder Spaß: tiefgründig, aber konkret, in der Sprache wie ein Theaterstück verfasst.

„Was tun wir mit den geschenkten Jahren?“ (S.43) Auf diese zentrale Frage antwortet Hasler: „Wir sind nicht nur Akteure auf der Nebenbühne des Alters, wir spielen mit auf der Hauptbühne, mit unserer alterserworbenen Intelligenz, einer reaktivierten Altersweisheit, die mit der Intelligenz der Jüngeren nicht konkurriert sie vielmehr ergänzt. So können wir noch im Alter aktiv an einer gemeinsamen Zukunft teilnehmen, auch wenn diese Zukunft nicht mehr unsere sein wird.“ (S.50) Und weiter: Das Alter „könnte zur Bühne unreglementierter Entfaltung werden. Zum innerweltlichen Paradies ist alles da: Zeit, Freiheit, Fitness, Geld. Nicht bei allen, schon gar nicht bei allen gleich. Immerhin bei vielen ausreichend.“ (S.38) Und diese Vielen, etwa ¾ der Alternden, die sind seine Zielgruppe.

Er unterlegt seine These „Wir leben auch im vorgerückten Alter vom Mitwirken und Einwirken.“ (S.85) mit drei gut verständlichen „Erinnerungen“: Die anthropologische liest sich so: „Das Geheimnis der glücklicheren Alters könnte in der uralten Einsicht gründen, wonach der Mensch ein soziales Wesen ist (Aristoteles und 127 weitere Großdenker). Und dass dieses Sozialwesen …seine Höchstform erreicht…an etwas mitzuwirken, das bedeutender ist als sein Ego. (S. 83) Diese Art von Transzendenz durchzieht das ganze Buch. Die genetische Erinnerung leitet er mit dem Satz ein: „Wer (gemeint: früher!) im Alter versorgt werden wollte, tat gut daran, sich nützlich zu machen in Werkstatt und Hof, solange es ging.“ und formuliert dann die Frage: „Können wir es denn nicht 25 Jahre einfach schön haben?“ und antwortet: „Sicher, nur finden wir das dummerweise bald nicht mehr so schön.“(S. 88) Die soziologische, vielleicht eher die demografische Erinnerung hat er zum Teil vorweggenommen: „Der sogenannte Generationenvertrag ist nicht beliebig elastisch. Er erträgt es auf Dauer nicht, dass eine anschwellende Fraktion von Passivmitgliedern einfach abhängt und stets länger Siesta macht. Abgesehen davon, dass wenige Alter scharf darauf sind, sich demnächst zu Tode zu langweilen.“ (S. 78) Und ergänzt diese dritte Erinnerung: Mitwirkung und „Arbeit in der Gesellschaft gleicht der Rolle im Theater. Ohne Rolle falle ich aus dem Stück. …Im demografischen Verlauf sind wir unverdiente Gewinner, die Jungen langfristig unverschuldete Verlierer. (S.91/92)

Die Vorteile der längst fälligen längeren Lebensarbeitszeit demonstriert er konkret an vier „glücklich tätigen Älteren“ (ab S.92) und einigen anderen Freiwilligen-Projekten. Und darum geht es ihm letztenendes: Wie kann man beim Altern mehr Glück und Erfüllung, mehr Lebenssinn buchstäblich erleben. Er schließt das Buch mit der „Lizenz zu vertrotteln“(S.119) am wirklichen Lebensabend und frei nach Odo Marquard den Zeitvertreib mit einer „soliden Schandmaulkompetenz“. (S.122) Bravo.