Rezension Reaktanz von Carmen Thomas

Reaktanz

REAKTANZ
Carmen Thomas Buchtitel
Carmen Thomas

Reaktanz - Blindwiderstand erkennen und umnutzen,

7 Schlüssel für ein besseres Miteinander

adeo Verlag| 2020 | ISBN 978 863 249 4

Alle Menschen, die ein Interesse an wirksamer Kommunikation bei Meinungsverschiedenheiten und grundlegenden Konflikten haben „und den seriösen Wunsch haben, sich selbst verändern zu wollen“ (S.203), sollten das von Carmen Thomas vorgelegte Praxis-Handbuch lesen und „situativ in wenigen Minuten pro Tag schrittweise einüben“, wie sie am Ende des Buches schreibt: „Die Tools in diesem Buch funktionieren eigentlich deutlich einfacher als Autofahren.“ (S.203) Das Buch ist eine „Einladung“ (S.209), eine Art Kommunikationsführerschein zu erarbeiten, der Unfälle/ Kommunikationsabbruch oder -störungen verhindern helfen kann, wenn die Ratschläge befolgt und die entsprechenden Tools eingesetzt werden.

Das Buch enthält – wie im Untertitel erwähnt - „7 Schlüssel für ein besseres Miteinander“: Es geht dabei im Wesentlichen um den häufig unbedacht oder (schlecht!) kalkulierten, in jedem Fall durch einen eigenen Haltungsfehler provozierten „Blindwiderstand“ (das deutsche Wort für „Reaktanz“), der als automatische, meist unbewusste Abwehrreaktion eine weitere fruchtbare Auseinandersetzung oft erschwert oder gar unmöglich macht. Frau Thomas will ihre Leser dazu befähigen, diese Reaktanz durch eine alternative „Haltung und handfeste Hilfestellungen“ (S.209) zu überwinden. Die neue Haltung konkretisiert Frau Thomas in sieben Schlüssel-Leitsätze, denen insgesamt zehn praktische „Tools“ zugeordnet sind.

Das Lesen ist unterhaltsam und zugleich lehrreich: Anhand Hunderter von praktischen Beispielen vornehmlich (aber nicht nur!) aus ihrer jahrzehntelangen Zeit als Verantwortliche für die WDR-Publikumssendung „Hallo Ü-Wagen“ wird jeweils ganz konkret vorgeführt, wie der konventionell eher schroff-konfrontative und mentalen Widerstand hervorrufende, meist abwertende sprachliche Umgang miteinander durch gewinnnende Formulierungen oder/und praktische, zur Mitarbeit führende Instrumente wirksam in ein „besseres Miteinander“ verwandelt werden kann.

Die kurze historische und begriffliche Einführung (S.13-30) in die Definition und Wirkungsweise der Reaktanz endet mit dem Kernsatz: “Wer Reaktanz bei sich selbst und anderen zu erkennen weiss, kann sie umnutzen lernen, um so das Gleichgewicht sofort auf produktive und entstressende Weise wiederherzustellen.“ (S.29). Das ganze Buch ist mit rund 40 solcher jeweils zur Kapitelfarbe passend farbigen, großgeschriebenen und abgesetzten Kernsätzen aus dem laufenden Text durchzogen – vermutlich kann der eilige Leser sich auf diese Sätze konzentrieren und darumherum das nachlesen, was er nicht auf Anhieb versteht. Überhaupt ist das Buch grafisch liebevoll aufbereitet, der Text eingebettet in vielfache Illustrationen und einigen Dokumente, die meisten Tools sind illustriert. Das erhöht die Lesefreude erheblich.

Um einen kleinen Vorgeschmack auf die Lektüre zu geben hier die Liste der Schlüssel und jeweils ein paar ausgewählte konkretere Hinweise:
(1) “Zulassen statt zumachen. Offenheit bringt weiter“ (S.41 bis 61) – konkretisiert:
Zuhören: Was meint das Gegenüber genau?
Hinhören: Nuancen, die Diktion, die Stimme, Mimik, Gestik, das Äussere bewusster mitbeachten.
Dahinterhören: Was ist die ‚hidden Agenda‘, die eigentliche versteckte Botschaft des Gegenübers?
Verwertend hören: Nur auf die Substanz achten und die herausfiltern, statt abzublocken oder wegzuhören.“ (S. 47)
(2) „Addieren statt konkurrieren. Systematisch Gruppen-Klugheit entfalten lernen“ (S. 84-104) – konkretisiert: Statt als „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten, anders fragen
„Was ist daran richtig und was ist daran falsch?“ (S.87) Ergänzt wird dieser Schlüssel durch das Tool „1-Eskimo-Stormen“ (S.93-95) In einer Minute schreiben alle Teilnehmer auf einem leeren Zettel alles auf, was ihnen zu einem vorgegebenen Thema einfällt; wenn der Stift stockt wird einfach solange „Eskimo“ geschrieben bis ein weiterer Einfall kommt. Damit erzeugt eine Gruppe weiterführende Ideen, „egal ob es um neue Produkt-Ideen, Lösungsansätze, Buchtitel, Seminarthemen, Ideen für einen Betriebsausflug, Vereins-, Ehrenamts- oder FamilienThemen geht.“ (S.93)
(3) „Verwerten statt Bewerten. Wie geht’s beim nächsten mal (noch) besser?“ S. 108-126) - Konkretisiert: Dieser Schlüssel ist im Grunde eine Fortsetzung des ersten Schlüssels mit dem Hinweis, auch mit unerwarteten und fehlerhaft erscheinenden Situationen kreativ umzugehen. Das in diesem Schlüssel enthaltene 5.Tool, der sog. „Janus-Klärer“ ist gut dafür, ganz schnell „herauszufinden, was eine Gruppe will, weiß oder beitragen kann“ (S.111ff): Eine recycelte CD wird an alle verteilt und dient mit seinen zwei bedruckten Seiten (grüne Seite:Zustimmung/ja /weiter so – weiß: Gern anders) zur sofortigen Abstimmung nach Aufforderung. Damit können endlose Diskussionen vermieden und schneller legitim verfahren werden.
(4) „Umnutzen statt Runterputzen. Begeisterung wecken“(S.130-146) – konkretisiert: Frau Thomas schaut bei einer Kundin in einer schicken Seidenbluse auf ein schwarzes Blümchen in Schlüsselbeinhöhe. Die Kundin reagiert: „Ja, gucken Sie ruhig. Das war ein Fettfleck, der ist in der Reinigung nicht rausgegangen. Da hab ich einen schwarzen Edding genommen und das Blümchen draufgemalt. Und jetzt sagen alle, wie schön das Blümchen wäre.“ (S.135) Diese kleine Story wird auf wissenschaftliche Erfindungen aus Fehlern ausgeweitet und für die Kommunikation verwertet: „Aus Schrott Steigbügel machen“ (S.136), aus „Dung Dünger machen“ (S.139) mit weiteren Varianten. Das dazu passende 8.Tool gibt eine Reihenfolge von Beiträgen beim Feedback vor: Wichtiges, Offenes, Stolpersteiniges und Erfreuliches (WOSE). Damit wird eine sachlichere und akzeptablere Form für konstruktive Kritik geliefert, um diese besser verdaulich zu machen.
(5) „Interessiert mich“ statt „Kenn ich“. Sich selbst aufschliessen (S.152-167) verfeinert die vorhergehenden Schlüssel weiter – konkretisiert in dem Kernsatz: „Wenn es gelingt, in sich selbst authentisches Interesse zu wecken, also die Reaktanz umzunutzen und etwas Neues für sich zu lernen, dann verliert Altbekanntes das Langweilige.“ (S.153)
(6) „Ahhh statt Oooh – wenn Fehler zu AHA-Erlebnissen werden“ (S.170-189) - konkretisiert insbesondere durch Fehler beim „dramaturgischen Setting“ (S.173), der räumlichen Anordnung von Stühlen, Tischen usw. die eine gute Kommunikation erheblich stören können. Konstruktive Auswege bei einer Moderation werden aufgezeigt: „Ich merke, dass ich gerade irgendetwas grottenfalsch mache. Können Sie mir helfen, wie’s besser ginge?“ oder „Kann es sein, dass ich Ihnen gerade komplett falsche Fragen stelle?“ (S.182)
(7) „Kopieren zum Kapieren. Warum imitieren schlau machen kann.“ (S.194-209) – konkretisiert in dem Kernsatz dieses Generalschlüssels: „Wer sich vom ‚ich muss alles selbst können‘-Druck befreit und kluge Dinge erstmal imitiert, kann von Brilliantem rascher profitieren und es sich ohne Versagens- und Schamgefühle aneignen.“ (S. 196)

Wer dieses Buch gerade in der heutigen Zeit, die von wirklichen und vermeintlichen Konflikten beherrscht wird, ernst nimmt, kann die für unsere Freiheit und Demokratie äusserst wichtige wertschätzende Streitkultur zu einem besseren Miteinander entwickeln helfen. Ich wünsche Frau Thomas viele Leser und Nachahmer!

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