Lasst uns länger arbeiten!

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Lasst uns länger arbeiten!

Arbeitswelt umgestalten, Rente retten – im Alter aktiv und zufrieden sein

Alexander Hagelüken
Droemer Verlag | 2019 | ISBN 978-3-426-27778-2

Der leitende Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung hat seine jahrelangen journalistischen Erfahrungen und Artikel angereichert mit zahlreichen zusätzlichen Expertengesprächen und vielen Beispielen alter Erwerbstätiger und in einem „provokativen Debattenbuch“ (Klappentext) zusammengefasst.

Provokativ ist das Buch vor allem für alle Personen, die noch in weitverbreiteten „Fehlbildern“ (S.127) verhaftet sind: Besonders diejenigen, die Alter mit „Gebrechlichkeit“ gleichsetzen (S. oder diejenigen, die von einem reinen Ruhestand träumen, der als „Besitzstand“ (S.48ff.) oder „Errungenschaft“ (S.73) mit Reisen und Konsum träumen, werden schonungslos aus ihren „Ruheschlaff“ (S.54-60) aufgeschreckt: „Nach einem langen Berufsleben mal im Liegestuhl auszuspannen, macht glücklich. Ein Ruhestand nur im Liegestuhl macht viele unglücklich, weil er sie erschlaffen lässt.“ (S.57). Wer Erwerbsarbeit im Alter mit „neoliberaler Ausbeutung“ (S.81) verwechselt, wird an zahllosen Beispielen davon überzeugt, dass angemessene Arbeit im Alter Selbstbestimmung (S.67 u. 81) und menschliches Bedürfnis (S.68) ist und eine „Selbst- und Weltgestaltung“ ermöglicht (Zitat Andreas Kruse, S.69f) - und last not least - zu einem längeren und gesünderen, zufriedenen Leben führt.

Die ganze Erzählung ist eingebettet in eine pointiert geschriebene gesellschaftliche Analyse der aktuell beginnenden positiven Entwicklung des aktiven Alterns (S.15-39) und mit einer Geschichte sowie einer Schilderung der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ideologischen Ursachen für diese Fehlhaltungen (S. 40-54). Daran schließen sich einige positive Kapitel über die Wirkungen der Erwerbstätigkeit im Alter, insbesondere über die Möglichkeiten, die das „Doppelschichtleben“ (S.77) von erwerbstätigen Eltern mit Kindern des durch längeres arbeiten gezielt zu entlasten.

Im zweiten Teil wird das notwendige „Umsteuern“ (ab S.107) auf allen wichtigen Handlungsfeldern (verstärkt durch „internationale Vorbilder (S. 121) in zahllosen konkreten Schritten konkretisiert: Obwohl er einen „echten Kurswechsel für eine faire Rentenreform“ (S. 115) bezweifelt, schlägt er weitere umfassende Flexibilisierungen vor und ermahnt „viele Menschen einmal das Stereotyp in ihren Köpfen zu überwinden, dass der Beruf ab 60 möglichst schnell loszuwerden ist.“ (S. 27/28) Er fordert die Tarifpartner auf, die tarifvertraglich übliche „Ruhestandsnorm in Deutschland...,wo normale Arbeitsverträge exakt mit dem Tag enden, an dem man eine volle Rente bekommt“ (S. 121) zu flexibilisieren. Er schließt sein Buch mit einem vorwiegend sozialdemokratisch orientierten „7 Punkte Programm“, um die absehbar starke Erhöhung der Sozialbeiträge (S.108) zu vermeiden. Dabei fordert er – neben vielen anderen Maßnahmen - auch eine Steuerreform zur Entlastung von Geringverdienern und Alleinerziehenden (S.157 u. 167), eine Befreiung von Geringverdienern von Sozialabgaben (S.167), höhere Abzüge für vorzeitige Rentner (S.152), Steuererhöhungen für Vermögende, eine Erhöhung der Erbschafts- und Kapitalertragssteuer (S.159f.), Wiedereinführung der Vermögenssteuer (S.157), Einbeziehung von Beamten und Selbstständigen in die Rentenversicherung (S.160) , stärkere Finanzbildung in der Schule – nur um die wichtigsten Punkte zu nennen. Selbst wenn man im Einzelnen nicht jeder Maßnahme zustimmen mag – die generelle Richtung ist richtig: Für bezahlbare Sozialbeiträge in Zukunft müssen erheblich mehr andere Ressourcen durch nachhaltiges Drehen an vielen Stellschrauben beschafft werden, nicht nur durch längeres Arbeiten.

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