Neustart mit 60 – Anstiftung zum dynamischen Ruhestand

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Neustart mit 60, Henning von Vieregge

Loring Sittler rezensiert:

Neustart mit 60 - Anstiftung zum dynamischen Ruhestand

Henning von Vieregge
Neue Ufer | Wiesbaden | 2016 | ISBN 978-3000558191

Die Anstiftung ist wörtlich zu verstehen: Es ist kein praktischer Ratgeber für Menschen im Übergang zwischen Hauptberuf und nachberuflicher Phase, sondern ein ermutigendes Buch, eine Art „Vorsorgeuntersuchung auf dem Terrain der Lebenskunst“ (S.14). Es richtet sich insbesondere an alle, die den Anspruch haben, „sich nicht aufs Altenteil zurückzuziehen und schon gar nicht zurückdrängen zu lassen, sondern mit frischem Schwung und neuen Zielen am eigenen Leben und am Leben anderer gestaltend mitzuwirken“ (S.11).

Im zweiten Kapitel wird anschaulich beschrieben, wie schlecht wir darauf vorbereitet sind, aus dem „Hamsterrad des Lebens“ (S.12) rausgeworfen zu werden und richtigerweise darauf hingewiesen, dass „zuviel Ruhestand körperlich, geistig und seelisch zu wenig ist“ (S.17). An mehreren konkreten Beispielen wird mit Zitaten belegt, was einem alles an Merkwürdigkeiten bevorsteht bei der Verabschiedung und in der Folgezeit, auch was für Fehler man vermeiden muss in den aufgezeigten fünf Phasen des Abschieds. Nach „Fassungslosigkeit, Zorn und Verzweiflung“ (ab S.29 - diese Phase muss nicht von jedem durchlaufen werden!), „Erkennen der Realität (ab S.32) und schließlich „Zu Atem kommen“ (ab S.33) folgt als vierte Phase „Bereitsein zum Neustart“ und – wenn man Erfolg hat – die letzte Phase „Angekommen“, in der die Lebenszeit Strukturen hat, „täglich, wöchentlich und übers Jahr und das Leben nun wieder ausgefüllt und sinnvoll ist, vielleicht weniger ausgefüllt, womöglich deutlich sinnvoller ist als vordem.“ (S. 35)

Im dritten Kapitel werden die drei weitgehend tabuisierten „Angst-Bündel“ (S.39) des Übergangs abgehandelt: Angst vor materiellen Verlusten, Angst vor bisher gewohnter Rahmenbedingungen und – last not least! – Angst vor Statusverlust. Der Autor singt dann ein „Loblied auf Rituale“ (S.44), um den „Schmerz des Wandels zu dämpfen“ (S.47) und als möglichen Einstieg in eine neue Zeitstruktur.

Im vierten Kapitel erfolgt ein Exkurs in die 68er Generation, die er als „glücksverwöhnt“ bezeichnet (S.51ff) und das übergeht in drei Gedanken zur Übergangsphase, die er Klaus Dörner zitierend, als „soziales Niemandsland des sozialen Lebensabschnitts ohne Rollenerwartungen“ (S.64) beschreibt. Sein erster Gedanke: „Altern ist kein Verkümmerungsprozess, sondern Austausch von Gewinn und Verlust“ (S.64). Thema dabei ist auch das „defizitäre Altersbild“ und der Jugendwahn und einige damit verbundene „Scheinheiligkeiten“ (S.67). Der Schwierigkeit, Altersstufen zu unterscheiden, widmet sich der zweite und dritte Gedanke in Anlehnung an Dörner: „Meine jeweils zukünftige Altersstufe“ (Gedanke 2) „ist mir neu, unbekannt, fremd“ (Gedanke 3)(S.70) und fasst die „Botschaft“ unter dem Motto zusammen: „Nur nicht zu wenig Ehrgeiz!“ (S.71).

Das Fazit im 5. Kapitel wird mit einem anschaulichen Bild eingeleitet: „Man muss an das Haus anbauen und es nicht abbrennen.“ Es geht um die Themen „frühzeitig aussteigen und die Bedingungen stellen“ (S.75ff), um „Arroganz als Bumerang“ (S.78), um das oft vergebliche „Warten auf Anrufe“ (S.80) und um das rechtzeitige Planen der nächsten Schritte: „Die zweite Karriere beginnt schon während der ersten.“ (S.81). Das Alter wird mit Hinweis auf Gerhard Wegner, als „Gestaltungsprojekt“ beschrieben (ab S.83), in dem es wichtig ist zu wissen, ob man „sich treiben lässt oder ob einen etwas treibt“ (S.85), aus dem Lebenssinn erwachsen kann.

Das Buch schließt mit einer „Anleitung zu Zukunftsoptimismus“ (S.89), in der insbesondere die Potentiale Älterer und die wachsende Bedeutung des freiwilligen Engagements als Ergänzung staatlicher Institutionen bei der gesellschaftlichen und kulturellen Integration beschworen werden. Am Ende steht eine sehr bunte Reihe von 21„Thesen zu Weiterdenken“, von der hier nur zwei erwähnt werden: „Der Arbeitsmarkt für Ältere (silver worker) kommt in Bewegung und kann bewegt werden.“ (These 5, S.96) und „Das Konzept ‚Gewonnene Jahre, gewonnene Lebensqualität’ muss formuliert, gewollt und dann erstritten werden. Es schließt in seiner Botschaft von der Balance zwischen privatem, beruflichem und philanthropischem Leben als Bedingung gelingenden Lebens die jüngeren Jahrgänge ein, setzt aber bei den Älteren an.“ (These 11, S.97)

Ergänzt wird das Buch von einer sehr hilfreichen Liste der „Bücher, die weiterhelfen“ (S.100f) und einem Hinweis auf die Herausgeber/Agentur neueufer, die professionelle Beratung und Coaching beim Übergang anbietet (S.106ff).

Insgesamt eine runde Sache.

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