Zu jung für alt

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Zu jung für alt

Loring Sittler rezensiert:

Dieter Bednarz

Zu jung für alt - vom Aufbruch in die Freiheit nach dem Arbeitsleben

Edition Körber | 2018 | ISBN 978-3-89684-265-7

Dieter Bednarz hat ein nicht nur sehr sachkundiges, sondern auch sehr unterhaltsames Buch geschrieben. Empfehlen muss man es nicht nur allen in der Seniorenarbeit und -politik tätigen Personen, sondern insbesondere allen alternden Personen, die noch ihre ganze Identität aus ihrer beruflichen Position und Rolle beziehen: „Wir rennen unermüdlich in einem sich scheinbar zeitlos drehenden Hamsterrad unseren Karrierezielen hinterher. Selbstreflexion? Keine Zeit! Auf der anderen Seite besetzen wir das Alter höchst negativ, speichern es ab als Phase des Verlusts und der Verletzlichkeit, gegen die wir uns kräftezehrend stemmen. Hinschauen? Akzeptieren? Kein Interesse!“(S.228) Und der Gebrauch von „Wir“ durchzieht das ganze Buch: Der Autor schreibt als selbst Betroffener immer wieder ganz offen über seine persönliche Gefühls- und Gemütslage, insbesondere während der empathischen Begegnungen mit seinen zum Teil fachlich hochqualifizierten wissenschaftlichen Interviewpartnern (S.72 – 97 und 221 – 265) aus Soziologie, Gerontologie, Psychologie und am Schluss mit Weltmeister Philip Lahm. Deren nüchterne und zum teil unerbittliche (Gesellschafts- und Struktur-) Analysen, werden aus der Sicht des Autors sehr schonungslos geschildert und die persönliche Ebene übertragen und verstärkt durch die Darstellung von deren eigenen, persönlichen Verlusten, Verletzungen und der notwendigen Trauer beim Übergang von der Berufs- in die nachberufliche Lebensphase. Aber über das Alter gejammert wird dabei nicht. Es wird aber auch nichts beschönigt am Altern, das eigene Erleiden eher selbstironisch eingeflochten.

Bednarz beschreibt auch in der Einleitung, aber im Grunde das ganzen Buch durchziehend, den Entscheidungsprozess für sein eigenes Aussteigen aus dem „Hamsterrad“ beim Spiegel-Verlag und verallgemeinert diesen hürdenreichen und schmerzhaften Prozess, indem er – fast nebenbei, aber gründlich – die wesentlichen gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Mit-Ursache für sein Dilemma aufzeigt. Das Buch erschöpft sich zum Glück nicht in der Gesellschaftsanalyse, sondern unterbricht sie mit zahlreichen, lebhaft beschriebenen und besonders authentischen Begegnungen mit älteren Personen und deren Organisationen sowie Angaben zu Umfang des freiwilligen Engagements im Alter. Dabei wird eine ganze Vielfalt von konkreten Möglichkeiten und die sinngebende und beglückende Wirkung des freiwilligen Engagements im Alter mit Händen greifbar –obwohl der Autor selbst nicht anbeißt an die dargebotenen „Köder“. Der Schluss mit sieben Ratschlägen von Philip Lahm ist überraschend, originell und so lehrreich wie lesenswert – so wie das ganze Buch.

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